Das Projekt „SND-Netz in Aktion“
Vortragsmanuskript für das
Symposium „Seltene Netzhautdegenerationen“, 17./18.9.2004, Bonn. Veranstalter:
Pro Retina Deutschland e.V. in Zusammenarbeit mit Universitäts-Augenklinik
Bonn, Augenzentrum Siegburg, und Projekt „SND-Netz in Aktion“. Es ist
vorgesehen, dass ein Auszug dieses Vortragsmanuskripts u.a. in der nächsten
Ausgabe von „Retina aktuell“ veröffentlicht wird.
Dr. Rainald von Gizycki,
Charité Berlin, Augenklinik Campus Virchow-Klinikum, Projekt „SND-Netz in
Aktion“
Meine Damen und Herren,
Sie haben im Programm-Flyer
vielleicht gelesen, dass das Projekt „SND-Netz in Aktion“ Mit-Veranstalter des
heutigen Symposiums ist. Das ist natürlich kein Zufall, denn die drei
Buchstaben „SND“ im Projekttitel stehen für seltene Netzhautdegenerationen,
also das zentrale Thema dieser Veranstaltung. Das SND-Projekt wird vom BMGS bis
Juni 2006 gefördert, es wird von einem Projektbeirat unter Vorsitz von Prof.
Hildebrandt begleitet und an der Augenklinik der Charité unter Federführung von
Prof. Rüther durchgeführt und von einem Projektbeirat unter Vorsitz von Prof.
Hildebrandt begleitet. Zwei
Beiratsarbeitskreise befassen sich mit Fragen der Schulung (Leitung: Prof.
Kellner, Siegburg) sowie mit Fragen der Datenbanken und Elektronischen Gesundheitsakte
(Leitung: Prof. Lorenz, Regensburg). Unter den drei Projektleitern sind auch
zwei selbst von einer Netzhautdegeneration (CHM / RP) betroffene Personen (FB /
RvG).
Das Projekt soll am
Beispiel der SND, also exemplarisch, die Möglichkeiten der nachhaltigen
Beteiligung von Patienten im Gesundheitswesen aufzeigen und weiterentwickeln.
Dies bezieht sich auf vier Zielbereiche:
-
Stärkung der Belange von Patienten mit seltenen Erkrankungen (SE) im
Gesundheitswesen
-
Förderung des gegenseitigen Erfahrungsaustauschs unter SND-Patienten und
Angehörigen
-
Verbesserung der Diagnostik- und Versorgungssituation
-
Unterstützung der ursachen- und therapieorientierten SND-Forschung
Das bereits etablierte
SND-Netzwerk, das vor allem in der Pro Retina, z.T. auch im BBSB aktiv ist,
umfasst folgende Krankheitsgruppen: Usher Syndrom, Chorioideremie, Morbus
Stargardt, Bardet-Biedl-Syndrom, Refsum Syndrom, LCA,
Zapfen-Stäbchen-Dystrophie; darüber hinaus werden künftig auch einzelne sehr
seltene ND wie Lebersche Hereditäre Optikus Neuropathie (LHON) einbezogen.
Weitere Einzelheiten,
insbesondere Adressen der kooperierenden Patientenorganisationen und
SND-Ansprechpartner, entnehmen Sie bitte dem Projektflyer und unserer Website www.snd-netz.de.
Ich möchte mich angesichts
der kurzen Redezeit auf zwei Fragen konzentrieren:
1.
Warum ist Patientenbeteiligung insbesondere bei seltenen Erkrankungen
nötig, und welche Anforderungen stellt sie an die Betroffenen?
2.
Welche Ergebnisse hat das SND-Projekt in diesem Sinne bisher exemplarisch
erbracht?
Ich möchte dabei z.T. auch
auf kritische Stimmen zum Projekt eingehen.
Der Ausgangspunkt des
Projekts und der Lebenssituation der Betroffenen ist die Seltenheit der
Netzhautdegeneration (Netzhautdegeneration). Dies hat zur Folge, dass
Augenärzte, Forscher und selbst Kliniker über die Erkrankung oft nur schlecht
oder gar nicht informiert sind. Das wiederum kann zur Folge haben, dass unter
den wenigen betroffenen Patienten viele zu Beginn entweder keine, eine falsche
oder nur eine Verdachtdiagnose erhalten. Diese Patienten sind also doppelt
benachteiligt:
-
Es fehlt weitgehend das bei häufigen Erkrankungen üblicherweise
vorhandene, breit zugängliche, auf medizinischen Erfahrung und Forschung
beruhende Expertenwissen, so dass Diagnose, Therapie und Rehabilitation
vernachlässigt werden,
-
Mangels gesicherter Diagnose und „mangels Masse“ ist dem Patienten mit
seltenen Erkrankungen oftmals der Zugang zum Erfahrungswissen Gleichbetroffener
verwehrt.
Der Betroffene kann in
dieser Situation unterschiedlich reagieren:
-
Er entsagt jeder weiteren Diagnosesuche und jeglicher Therapiesuche, er
misstraut den Experten, und schließt sich dem Trend zur „Entmedizinisierung“ an
(„Selbstaufgabetyp“)
-
Er vertraut weiter darauf, dass die Experten schon alles wissen, und irgendwann
auch ihm eine Diagnose und bessere Versorgung zukommen lassen werden
(„Passiv-abwartender Patiententyp“)
-
Er sucht wider besseres Wissen zusätzlich zum normalen Augenarzt,
Therapieanbieter, Scharlatane und Heilsversprecher auf – i.d.R. mit wenig Erfolg
(„Alternativen-Sucher“)
-
Er begibt sich in eine seiner Erkrankung „naheliegenden“
Patientenorganisation (wenn er denn irgendwie auf diese stößt), um dort den
weiteren Verlauf von medizinischen Kenntnissen und Forschungswissen zu
beobachten und gfls. vom Wissen der Gleichbetroffenen zu profitieren
(„Beobachtertyp“)
-
Schließlich kann er aber auch versuchen, sich selbst kompetent zu machen
und auf das Gesundheitssystem einzuwirken, also eigenverantwortlich die
medizinische Versorgung und Forschung mitzugestalten, und zwar mit
solidarischer Unterstützung anderer Patienten, Patientenorganisationen,
Experten und Projekten („Aktiv-selbstverantwortlicher Patiententyp“).
Sie können leicht erkennen,
dass das SND-Projekt die beiden letztgenannten Patientengruppen für eine
selbstverantwortliche Interessenvertretung für besonders geeignet hält. Aber
gleich vorweg zwei Worte an die Kritiker:
a.)
Wir wollen keine bestimmten „Patiententypen“ heranziehen oder Ihnen gar
die Entscheidungs- und Handlungsfreiheit durch die Zwangsjacke der Aktivierung
nehmen. Wir halten zwar Patienten mit einer bewusst passiven Konsumhaltung
nicht für den Idealtypus der Gesundheitsselbsthilfe, wir respektieren aber
selbstverständlich jede Einstellung zur eigenen Erkrankung und zur Selbsthilfe
als legitim.
b.)
Wir glauben selbstverständlich auch nicht, dass der Patient den Arzt oder
Forscher ersetzen kann. Im Gegenteil, es sollte eine gewisse „Grenzwahrung“
zwischen Arzt und Patient, Profi und Laien, respektiert werden. Allerdings
sehen wir diese Grenze nicht im Sinne einer Hierarchie und auch nicht im Sinne
einer Distanzierung – Patienten sind vielmehr „Partner im Gesundheitswesen“.
c.)
Für die Akzeptanz als Partner im Gesundheitswesen ist die
Kompetenzstärkung der Patienten entscheidend, aber hiermit ist keineswegs
gemeint, dass der inkompetente Patient keinen Anspruch auf Expertenhilfe oder
Fremdhilfe hätte; es ist auch nicht gemeint, dass das Erfahrungswissen des
Patienten mit dem Expertenwissen gleichzustellen ist. Vielmehr ist gemeint,
dass der kompetente, sach- und suchkundige Patient vom Arzt ernster genommen
wird und damit eher Chancen hat, seine Forderungen an das professionelle Umfeld
durchzusetzen (z.B. bzgl. patientenfreundlicher Diagnostikmethoden und
Wartezeiten; „schockfreie“ Darstellung der Diagnoseergebnisse; umfassende, auch
berufsbezogene Beratung, Rückmeldung nach Blutabgabe für molekulargenetische
Untersuchungen etc.)
Auf keinen Fall will das
Projekt die Interessen und die Bedarfsformulierung der SND-Betroffenen oder
ihrer Patientenorganisationen ersetzen. Das würde dem Ziel der Nachhaltigkeit
der Patientenbeteiligung widersprechen. Es kann aber Anregungen geben,
Vorschläge machen, Unterstützung gewähren, Arbeitshilfen anbieten etc.
Damit bin ich schon bei der
zweiten Frage meines Vortrages:
Was hat das SND-Projekt
bisher im Sinne der Projektziele und der SND-Betroffenen geleistet?
Ich kann hier nicht auf
alle Ergebnisse unserer Aktionsforschung eingehen und muß Sie bei Interesse auf
unsere Veröffentlichung im Deutschen Ärzteblatt und im Selbsthilfejahrbuch 2004
verweisen – außerdem geben wir regelmäßig die „SND-Notizen“ heraus.
Beispielhaft will ich kurz
vier Aktivitäten skizzieren, die aus dem Bedarf der Betroffenen heraus
entstanden sind und von diesen z.T. angeregt, durchgeführt und umgesetzt
wurden:
1.
Befragung zur Versorgungssituation der ZSD-Betroffenen auf Initiative des
Ansprechpartners der ZSD-Gruppe der Pro Retina
2.
Strukturierte Krankheitsbeschreibungen mit Beschreibung von Präventions-,
Therapie- und Rehabilitationsmaßnahmen (mit Augenklinik Tübingen)
3.
Unterstützung der Entwicklung eines patientenfreundlichen elektronischen
Glossars (mit Prof. U. Kellner)
4.
Entwicklung einer elektronischen Patientenakte, die für Sehbehinderte
besonders gut zugänglich ist.
Zunächst zur Befragung
von ZSD-Betroffenen. Wer würde nicht gerne wissen, ob und welche
Therapieversuche Gleichbetroffene unternehmen und über welche
Erfolge/Misserfolge sie berichten? Welche Faktoren wirken auf den Verlauf der
eigenen ND ein? Spontan hat Herr Emmerich als ZSD-Ansprechpartner seine Fragen
zur ZSD formuliert, den anderen Mitgliedern der ZSD-Gruppe vorgelegt und die
Auswertung der Antworten mit dem SND-Projekt abgestimmt. Die gemeinsame
Auswertung liegt inzwischen vor, Herr Emmerich hat sie auf der gestrigen
Sitzung der ZSD-Gruppe vorgetragen und diskutiert. Die hochinteressanten
Ergebnisse zeigen z.B. einen überraschend hohen Anteil an Kataraktbetroffenen,
einen sehr hohen Anteil an Trägern von Kantenfilterbrillen und hohe Unkenntnis
bzgl. der eigenen Vererbungsform. Vitamin A und Akupunktur stehen bei den
Therapieversuchen an erster Stelle; als negative Einflussfaktoren auf den
Verlauf der Erkrankung werden Licht- und Stressfaktoren genannt. Ähnliche
Befragungen wurden und werden mit Begleitung des SND-Projekts in der Refsum-
und in der BBS-Gruppe durchgeführt. Welche Schlussfolgerungen aus diesen
Befragungen zu ziehen sind, wird noch zu diskutieren sein.
Fast jeder, der erfährt von
einer ND betroffen zu sein, stellt sich und seinem Augenarzt bestimmte Fragen,
z.B.
-
welche Folgen wird die Erkrankung für mein Sehvermögen und meine
täglichen Aktivitäten haben?
-
Welchen Verlauf wird die Erkrankung nehmen und welche Ursachen liegen
vor?
-
Welche Maßnahmen kann ich treffen, um den Verlauf abzubremsen oder die
Erkrankung zu therapieren?
-
Bei welcher Klinik und welchem Arzt wird meine spezielle Erkrankung
diagnostiziert und möglicherweise therapiert?
Diese und weitere Fragen
haben spezialisierte Ärzte und SND-Gruppen für die jeweilige Erkrankung mit
unserer Unterstützung in Krankheitsbeschreibungen zusammengestellt und
beantwortet. Die strukturierten Krankheitsbeschreibungen liegen für alle sieben
SND vor und wurden in einer ersten Fassung bereits in Retina Aktuell
veröffentlicht. Den Betroffenen und uns ist besonders wichtig, dass diese
Beschreibungen verständlich geschrieben sind und aktualisiert, d.h. dem
neuesten Stand der Forschung angepasst werden.
Der Aufnahme medizinischer
Informationen durch die betroffenen Patienten, das wurde uns immer wieder
erklärt, stehen vor allem zwei Probleme im Wege:
-
die oftmals für Laien unverständliche medizinische Sprache und
-
die englische Sprache, in der viele aktuelle medizinische Informationen
fast ausschließlich zugänglich sind.
Das SND-Projekt hat sich
daher an der Unterstützung und Nutzung eines elektronischen Glossars
beteiligt, das von Pro Retina initiiert und von Prof. Kellner auf seiner Website
etabliert wurde (http://www.retinascience.de/glossar/).
Es handelt sich dabei nicht um irgendein Glossar von vielen, sondern um ein auf
die Bedürfnisse von Patienten und SND-Betroffenen besonders zugeschnittenes
elektronisches Glossar, das in seiner erweiterten Form folgende Besonderheiten
aufweist:
-
Das Glossar erläutert und führt besonders häufig benutzte medizinische
Begriffe aus der Augenheilkunde und Molekulargenetik für SND-Betroffene
zusammen
-
Das Glossar ist durch Suchbegriffe zugänglich und kann auf die eigene
PC-Festplatte geladen werden. Übrigens: Wenn Sie einen Suchbegriff eingeben,
der noch nicht im Glossar enthalten ist (z.B. Miliaraneurysmen), bitte
versuchen Sie es später erneut, denn nicht gefundene Begriffe werden
automatisch an Experten weitergeleitet, die für eine sinnvolle Ergänzung des
Glossars Sorge tragen.
-
Zwei ganz besondere und einfach bedienbare Funktionen stehen Ihnen zur
Verfügung: Sie können das Glossar mit Dokumenten einer Website verbinden (per
„Hyperlinks“), falls Sie dort auf unverständliche Begriffe stoßen. Sie können
das Glossar auch in Ihren medizinischen Befundbericht einbinden, den Sie
vielleicht schon immer als das „unbekannte Wesen“ angesehen haben.
Um die Hürde der englischen
Sprache evtl. zu überwinden, wird das Glossar ins Englische übersetzt werden.
Wir prüfen außerdem verschiedene Möglichkeiten der Übersetzungshilfen.
Damit bin ich beim letzten
Beispiel angelangt: der elektronischen Gesundheitsakte – kurz SND-EGA.
Dort können Sie Ihre medizinischen Befundberichte (inkl. Glossarbegriffe)
ebenso ablegen, wie Fundusbilder, Gesichtsfelder oder andere medizinische
Originalakten. Neben diesem Bereich der Originaldaten enthält die SND-EGA vier
weitere Datenbereiche, von denen insbesondere der „Verweisdatenbereich“ von
Interesse ist. Hier werden insbesondere Informationen über persönliche
medizinische Daten in Kurzform gespeichert, die Kliniker oder Forscher
interessieren könnten, die z.B. an einer klinischen Studie arbeiten. Wenn
Kliniker z.B. eine LCA-Patientin im Kindesalter mit einem bestimmten
molekulargenetischen Defekt (z.B. RPE 65) in eine Studie einbeziehen wollen,
können sie anhand der Angaben in dieser elektronischen Verweisdatenbank ein
Vor-Screening vornehmen, gfls. mit der gewünschten Patientin Kontakt aufnehmen,
und sie gfls. zum Blutscreening oder zu weiteren Untersuchungen einladen.
Da auch die Einführung der
elektronischen Gesundheitskarte für das Jahr 2006 gesetzlich vorgesehen ist, sollten
wir Patienten uns darum kümmern, dass sie auch den Kriterien der
Patientenfreundlichkeit entspricht. Dazu gehören z.B. Datensicherheit und
Datenschutz, also Sicherstellung, dass der Patient „Herr der Daten“ ist, das
heißt
-
ausschließlich der Betroffene bestimmt, welche Daten welcher Zielgruppe
zur Verfügung gestellt werden,
-
der Patient kann jederzeit an jedem Ort (z.B. in Notfallsituationen oder
im Ausland) seine Daten in systematischer Form einsehen und Angehörigen, Ärzten
oder Forschern zur Erläuterung seiner Sehbehinderung, zur (konsiliarischen)
Bewertung der Diagnose oder eines Therapieverfahrens, zur Einbeziehung in
Forschungsprojekte etc. zur Verfügung stellen.
Wir wollen mit der für die
SND-EGA entwickelten elektronischen Maske prüfen, ob es Aktive gibt, die sich
an diesem Konzept und seiner Weiterentwicklung beteiligen wollen. Für diese
Beteiligung hat der Hersteller der EGA-Website, die Firma Gesakon, weitgehend
die Kriterien der barrierefreien Website-Gestaltung berücksichtigt. Hierfür hat
das Projekt eine besondere Infohilfe für Website-Designer, auch für Laien,
entwickelt, die sich der sehbehindertenfreundlichen Web-Gestaltung verpflichtet
sehen.
Meine Damen und Herren, ich
hoffe Ihnen gezeigt zu haben, dass wir Patienten, wenn wir uns diagnosespezifisch
und selbstverantwortlich organisieren, das Gesundheitswesen erfolgreich und vor
allem selbstbewusst mitgestalten können.
Besten Dank