Die SND-Krankheitsbeschreibungen wurden erstellt im
SND-Projekt in Zusammenarbeit von Augenklinik Tübingen, SND-Ansprechpartnern
und SND-Projektleitung
Falls Sie Erläuterungen zu einzelnen
Fachbegriffen benötigen, finden Sie diese hier: http://www.retinascience.de/glossar/
(aus augenärztlicher Sicht)
Art der Erkrankung: Retinitis pigmentosa im Rahmen
eines Syndroms mit erhöhtem Phytansäurespiegel durch einen Stoffwechseldefekt,
Schwerhörigkeit, Störung des Geruchssinns, Hautveränderungen (sog.
„Fischhaut“), Polyneuropathie, eventuell erhöhte Proteinspiegel im Hirnwasser
Häufigkeit in Deutschland
(Schätzwert): 1:1.300.000, d.h. ca. 60 Betroffene in Deutschland
Vererbung:
autosomal rezessiv
Typischer Verlauf der
Funktionsausfälle
· Gesichtsfeld:
Netzhautdegeneration beginnt mit Skotomen in der mittleren Peripherie und
schreitet nach außen und innen hin fort. Symptomatischer Beginn meist im ersten
Lebensjahrzehnt, durch die Begleiterkrankungen eventuell schon seit Geburt bekannt.
Zunehmende Gesichtsfeld-Einschränkung bis hin zum „Tunnelblick“ und
gelegentlich Erblindung in hohem Lebensalter. Verlauf sehr unterschiedlich.
· Blendempfindlichkeit:
erhöht, zunehmende Störung der Anpassung an die Lichtverhältnisse.
·
Nachtblindheit: zunehmende Nachtsehprobleme
bis zur Nachtblindheit
· Farbsehen:
anfangs keine Farbsehprobleme, häufig erst im Spätstadium auftretend,
zuerst Nachweis einer Blausinnstörung
·
Sehschärfe: lange normal, im Spätstadium auch
Visusminderung bis zur Erblindung (selten) möglich
Typische augenärztliche Befunde
(Phänotyp)
·
Vordere Augenabschnitte/Refraktion:
eventuell Myopie, Astigmatismus, Katarakt
· Hintere
Augenabschnitte: Veränderungen in der mittleren Netzhautperipherie
mit Pigmentepithelatrophie, Ablagerung sog. Knochenkörperchen, Degeneration des
Sehnerven und Engstellung der retinalen Gefäße. Die Ausbreitung des Prozesses
schreitet nach innen und nach außen fort.
·
Ganzfeld Elektroretinogramm: zuerst
im skotopischen ERG reduzierte Amplituden, später auch im photopischen ERG
·
Multifokales Elektroretinogramm: frühzeitig
Zapfenantworten reduziert mit nach innen fortschreitendem Befund, im späten
Verlauf nur noch ganz zentral Zapfenantwort nachweisbar oder ganz erloschen
· Elektrookulogramm: normal
·
Fluoreszenzangiografie:
lediglich Nachweis von Defekten des retinalen Pigmentepithels, gehört nicht zum
Standarduntersuchungsprogramm
Bekannte krankheitsverursachende Genveränderungen: Bislang
sind folgende bekannt: PAHX; PHYH auf Chromosom 10
Pathomechanismus: Die Genveränderungen führen zu
einem Defekt des Enzyms Phytanoyl-CoA Hydroxylase. Dieses spielt eine wichtige
Rolle im Fettstoffwechsel, bei Mutationen desselben kommt es zur nachweisbaren
Anhäufung von Phytansäure in den Zellen, da diese nicht mehr abgebaut werden kann.
Daraus resultiert eine Zellschädigung, insbesondere von Nervenzellen, woraus
sich Hörstörungen, Netzhautdegeneration und gestörter Geruchssinn entwickeln.
Heilungsmöglichkeiten:
Keine
Behandlungsmöglichkeiten:
Wichtig ist die Einhaltung der verordneten Diät*, um der
Ablagerung von Phytansäure vorzubeugen. Es darf einerseits kein Gewichtsverlust
auftreten, andererseits sollte der Phytansäurewert im Plasma weit unter 50
nmol/ml liegen (Normalwert 4,0- 18,8 nmol/ml). Hierzu ist oft eine Apheresebehandlung
(Blutwäsche mit Entfernung der Phytans) notwendig. Dies wirkt sich positiv auf
den Krankheitsverlauf aus und kann diesen verlangsamen.
*z.B. Verzicht auf Butter und phytansäurehaltige
Lebensmittel (u.a. Fleisch und Wurst von Tieren, die sich von Grünpflanzen
ernähren)
Prävention:
· Eine
gesundheitsbewusste Lebensweise trägt zur Allgemeingesundheit bei, insbesondere
regelmäßige körperliche Bewegung, gesunde Ernährung, Vermeidung von Übergewicht
sowie Verzicht auf Nikotin und auf regelmäßigen Alkoholkonsum.
· Vorsorglich
Vermeidung starker direkter Sonnenlicht-Einwirkung sowie Abschirmung von
starker UV-Strahlung mittels Kantenfilterbrille. Neuere Studien am Mausmodell
zeigen einen möglichen positiven Effekt konsequenter UV-Abschirmung auf die Netzhautfunktion.
Diese Ergebnisse sind allerdings nicht ohne weiteres auf den Menschen
übertragbar und bedürfen weiterer Überprüfung, u.a. auch da Mäuse nicht wie
Menschen eine Makula besitzen.
· Nutzung
des Sehrestes zur aktiven Teilhabe an verschiedenen Interessens- und
Lebensbereichen. Dies sichert u.a. langfristig die optimale Weiterverarbeitung
der wahrgenommenen Sehreize.
· Vitamin A:
Einnahme möglich
· Lutein,
u.a. : nicht sinnvoll
· Anpassung
einer Kantenfilterbrille zwecks Verbesserung des Kontrastsehens. Bewährt hat
sich der Alltagsvergleich verschiedener Kantenfilterbrillen über spezialisierte
Augenoptiker, ebenso die ca. zweiwöchige Überlassung eines umfangreichen
Kantenfiltersortiments über
Patientenorganisation (z.B. Pro Retina)
· Vergrößernde
Sehhilfen (z.B. Lupen, Prismen- und Lupenbrillen, Monokulare)
·
Bildschirmlesegerät (mit optischer Vergrößerung und Falschfarben)
· Elektronische
Hilfen, z.B. optoelektronische Nachtsichtbrille, PC (mit Vergrößerung,
Farbumkehr, Falschfarben, akustischer Sprachausgabe-Unterstützung, Scanner zum
Lesen von gedruckten Texten)
· Schule/Ausbildung:
Kopien statt Overhead-Projektor (wegen Blendung), Sitzplatz in den vorderen
Reihen, tragbarer Computer (Notebook), Aufklärung der Lehrer über Erkrankung.
· Schwerbehindertenausweis
kann im Einzelfall beantragt werden
· Erfahrungsaustausch
mit Gleichbetroffenen, gegenseitige Unterstützung und Aktivitäten in einer
Patienten- und Angehörigenorganisation und ggf. deren Refsum-Gruppe
· Je nach
Art und Grad der Belastung und der notwendigen Krisenbewältigung ggf. Nutzung
pädagogische oder psychotherapeutische Unterstützungsangebote.
Letzte Aktualisierung: 28.2.2003