Die SND-Krankheitsbeschreibungen wurden erstellt im
SND-Projekt in Zusammenarbeit von Augenklinik Tübingen, SND-Ansprechpartnern
und SND-Projektleitung
Falls Sie Erläuterungen zu einzelnen
Fachbegriffen benötigen, finden Sie diese hier: http://www.retinascience.de/glossar/
Morbus Stargardt
Art der Erkrankung:
Makuladegeneration, jugendliche Form
Häufigkeit in Deutschland: 1:10 000
(Schätzwert), d.h. ca. 8000 Betroffene in Deutschland
Vererbung:
autosomal-rezessiv, seltener autosomal-dominant
Typischer Verlauf der
Funktionsausfälle
· Gesichtsfeld:
Plötzlich beginnende zentrale Gesichtsfeldausfälle, Schwierigkeiten besonders
beim Lesen und beim Erkennen von Personen wegen Ausfalls der Fähigkeit zur
optischen Fixierung, schreitet zunächst individuell sehr unterschiedlich fort
(beide Augen gleichzeitig oder einzeln; kontinuierlicher oder sprunghafter
Visus-Abfall); die Grenze der Makula wird selten überschritten, so dass sich
das Zentralskotom nach einer gewissen Zeit nicht mehr ausweitet. Die Sehschärfe
stabilisiert sich auf einem niedrigen Niveau, so dass mit Sehhilfen meistens
Lesen noch möglich ist. Eine kurze Orientierungsfähigkeit (außerhalb der
Makula) bleibt stets erhalten. Beginn typischerweise ca. 20. Lebensjahr,
seltener bis zum Beginn des 30.
Lebensjahres (Spätform, autosomal-dominant); sehr selten Erstdiagnose auch nach dem 30. Lebensjahr.
· Blendempfindlichkeit:
erhöht, zunehmende Störung der Anpassung an die Lichtverhältnisse.
· Nachtblindheit:
normalerweise nicht
· Farbsehen:
verändert. Subjektiv werden dunkle Farben einheitlich empfunden
(schwarz), Farben mit geringer Sättigung sind kaum unterscheidbar (weiß), jedoch
korrekte Farbzuordnung bei mittlerer Farbsättigung, sofern Visus nicht extrem abgefallen
ist , was nur in extremen Ausnahmefällen geschieht.
· Sehschärfe:
reduziert (Visus = 0,8 - 0,1, in Einzelfällen auch darunter)
Typische augenärztliche Befunde
(Phänotyp)
· Vordere
Augenabschnitte/Refraktion: Normalsichtigkeit (Emmetropie) oder geringe
Fehlsichtigkeit (Ametropie)
· Hintere
Augenabschnitte: Veränderungen der Stelle des schärfsten Sehens (=
Makula) mit fehlenden Reflexen, Pigmentverschiebungen bis -schwund (Atrophie),
evtl. „Bull's Eye Makulopathie“, sichtbare Ablagerungen; "Beaten
Bronze" Aspekt, gelbliche Flecken
um die Makula und evtl. bis in die Randbereiche der Netzhaut (sogenannter
„Fundus flavimaculatus“, dieser kann allein oder in Kombination mit den Makulaveränderungen
vorhanden sein). Sehnerv und Randbereiche der Netzhaut ohne Schädigung, im
fortgeschrittenen Stadium Pigmentveränderungen und –atrophie der mittleren
Netzhautperipherie.
·
Ganzfeld Elektroretinogramm: normal,
manchmal leichte Amplitudenminderung im photopischen ERG
· Multifokales
Elektroretinogramm: zentrale Zapfenantworten deutlich reduziert,
Gipfelzeiten normal
· Elektrookulogramm:
häufig normal, reduziert in ca. 20-50%, besonders in fortgeschrittenen
Fällen
· Fluoreszenzangiografie:
"dark choroid" (Blockade der Aderhaut-Fluoreszenz), zentrale
Farbstoffanreicherung durch Veränderungen im retinalen Pigmentepithel (RPE) als
typische Zeichen der Netzhautveränderung.
Bekannte krankheitsverursachende
Genveränderungen: Bislang sind folgende Veränderungen bekannt: STGD1 (ABCR, 1p22-21), STGD2 (13q34), STGD3
(ELOVL4, 6q14). STGD4 (4p).
Pathomechanismus: Die
Genveränderungen führen zum Verlust des RPE u. der Sinneszellen
i. d. Makula. Im STGD-Tiermodell mit Gendefekte im ABCR-Gen erfolgt kein
Abtransport von Lipofuscin durch RIM-Protein, Anhäufung dieser Stoffe
und dadurch Zellschädigung.
Heilungsmöglichkeiten:
Keine
Behandlungsmöglichkeiten:
Keine. Berichtete Verbesserungen
des Sehvermögens durch Akupunktur sind nicht belegt und werden z.T. kritisch
gesehen, weil entsprechend der klassischen Akupunkturlehre keine degenerativen
Erkrankungen mit Akupunktur behandelt werden können. Plausibel erscheinen
berichtete Verbesserungen des Allgemeinbefindens durch Akupunkturbehandlung.
Prävention:
· Eine
gesundheitsbewusste Lebensweise trägt zur Allgemeingesundheit bei, insbesondere
regelmäßige körperliche Bewegung, gesunde Ernährung, Vermeidung von Übergewicht
sowie Verzicht auf Nikotin und auf regelmäßigen Alkoholkonsum.
· Vorsorglich
Vermeidung starker direkter Sonnenlicht-Einwirkung sowie Abschirmung von
starker UV-Strahlung mittels Kantenfilterbrille. Neuere Studien am Mausmodell
zeigen einen möglichen positiven Effekt konsequenter UV-Abschirmung auf die
Netzhautfunktion. Diese Ergebnisse sind allerdings nicht ohne weiteres auf den
Menschen übertragbar und bedürfen weiterer Überprüfung, u.a. auch da Mäuse
nicht wie Menschen eine Makula besitzen.
· Nutzung
des Sehrestes zur aktiven Teilhabe an verschiedenen Interessens- und
Lebensbereichen. Dies sichert u.a. langfristig die optimale Weiterverarbeitung
der wahrgenommenen Sehreize.
· Vitamin
A: Vom Verständnis des
krankheitsverursachenden Mechanismus her ist bei Morbus Stargardt nach heutigem
Wissensstand die Einnahme von Vitamin A als hochdosiertes Medikament nicht
anzuraten, da sie eher zu einer Verschlechterung des Stoffabbaus in der Makula
beitragen kann.
· Lutein,
u.a.: Es liegen keine gesicherten
Untersuchungsergebnisse bzgl. positiver oder negativer Wirkungen des bei
einigen anderen Netzhautdegenerationen diskutierten Einsatzes von Lutein und
Xeaxantin vor.
·
Anpassung einer Kantenfilterbrille zwecks Verbesserung des
Kontrastsehens. Bewährt hat sich der Alltagsvergleich verschiedener
Kantenfilterbrillen über spezialisierte Augenoptiker, ebenso die ca.
zweiwöchige Überlassung eines umfangreichen Kantenfiltersortiments über Patientenorganisation (z.B. Pro Retina)
·
Arbeitsbeleuchtung nicht über typisches Normalniveau erhöhen
· Vergrößernde
Sehhilfen (z.B. Lupen, Prismen- und Lupenbrillen, Monokulare) bei sehr niederer
Sehschärfe
· Bildschirmlesegerät
(mit optischer Vergrößerung und Falschfarben) bei sehr niedriger Sehschärfe
·
Elektronische Hilfen, z.B. optoelektronische
Nachtsichtbrille, PC (mit Vergrößerung, Farbumkehr, Falschfarben, akustischer
Sprachausgabe-Unterstützung, Scanner zum Lesen von gedruckten Texten)
· Schule/Ausbildung:
Kopien statt Overhead-Projektor (wegen Blendung), Sitzplatz in den vorderen
Reihen, tragbarer Computer (Notebook), Aufklärung der Lehrer über Erkrankung.
· Schwerbehindertenausweis
kann im Einzelfall beantragt werden
·
Erfahrungsaustausch mit Gleichbetroffenen, gegenseitige Unterstützung
und Aktivitäten in einer Patienten- und Angehörigenorganisation und ggf. deren
Stargardt-Gruppe
· Je nach
Art und Grad der Belastung und der notwendigen Krisenbewältigung ggf. Nutzung
pädagogische oder psychotherapeutische Unterstützungsangebote.
Letzte Aktualisierung: 28.2.2003