Die SND-Krankheitsbeschreibungen wurden erstellt im
SND-Projekt in Zusammenarbeit von Augenklinik Tübingen, SND-Ansprechpartnern
und SND-Projektleitung
Falls Sie Erläuterungen zu einzelnen
Fachbegriffen benötigen, finden Sie diese hier: http://www.retinascience.de/glossar/
(aus augenärztlicher Sicht)
Art der Erkrankung: Retinitis pigmentosa im Rahmen
eines Syndroms, nach der Art der Schwerhörigkeit unterteilt in verschiedene
Typen:
·
Typ 1 = RP+ angeborene Taubheit,
·
Typ 2 = RP+ Schwerhörigkeit
· Typ 3 =
RP+ fortschreitende Schwerhörigkeit (sehr selten)
Häufigkeit in Deutschland:
(Schätzwert) ca. 1: 16.000 , d.h. ca. 5000 Betroffene in Deutschland
Vererbung:
autosomal rezessiv
Typischer Verlauf der
Funktionsausfälle
·
Gesichtsfeld: Netzhautdegeneration beginnt mit
Skotomen in der mittleren Peripherie und schreitet nach außen und innen hin
fort, bei Typ 1 Beginn der RP im Kindesalter, bei Typ 2 und 3 im frühen
Erwachsenenalter. Zunehmende Gesichtsfeld-Einschränkung bis hin zum „Tunnelblick“
und in seltenen Fällen auch zur Erblindung. Verlauf sehr unterschiedlich.
· Blendempfindlichkeit:
erhöht, zunehmende Störung der Anpassung an die Lichtverhältnisse.
· Nachtblindheit:
zunehmende Nachtsehprobleme bis zur Nachtblindheit
· Farbsehen:
anfangs keine Farbsehprobleme, häufig erst im Spätstadium auftretend,
zuerst Nachweis einer Blausinnstörung
· Sehschärfe:
lange normal, im Spätstadium auch Visusminderung bis zur Erblindung möglich
Typische augenärztliche Befunde
(Phänotyp)
· Vordere
Augenabschnitte/Refraktion: eventuell Myopie, Astigmatismus, Katarakt
· Hintere
Augenabschnitte: Veränderungen in der mittleren Netzhautperipherie
mit Pigmentepithelatrophie, Ablagerung sog. Knochenkörperchen, Degeneration des
Sehnerven und Engstellung der retinalen Gefäße. Die Ausbreitung des Prozesses
schreitet nach innen und nach außen fort
·
Ganzfeld Elektroretinogramm: zuerst
im skotopischen ERG reduzierte Amplituden, später auch im photopischen ERG
· Multifokales
Elektroretinogramm: anfangs periphere Zapfenantworten reduziert mit
nach innen fortschreitendem Befund, im späten Verlauf nur noch ganz zentral
Zapfenantwort nachweisbar oder ganz erloschen
·
Elektrookulogramm: normal
·
Fluoreszenzangiografie:
unspezifischer Befund, lediglich Nachweis von Defekten des retinalen
Pigmentepithels, gehört nicht zum Standarduntersuchungsprogramm
Bekannte krankheitsverursachende Genveränderungen: Bislang
sind 4 Genmutationen bekannt: USH1A, USH1B, USH1C, USH2
Pathomechanismus: Die Genveränderungen bewirken
eine Abnormalität im Aufbau bestimmter
Nervenzellen (Photorezeptoren der Netzhaut, Hörnsinneszellen). Das hat in der
Netzhaut primär einen Funktionsverlust der Stäbchen zur Folge, was zu Nachtsehproblemen
und Einschränkungen des Gesichtsfelds führt. In späteren Stadien ist es
möglich, dass auch die Zapfen der Netzhaut nicht mehr richtig funktionieren und zur Herabsetzung der Sehschärfe und Farbsehproblemen
führen können. Dies hängt vermutlich auch damit zusammen, dass Stäbchen und
Zapfen sich gegenseitig im Stoffwechsel beeinflussen können.
Heilungsmöglichkeiten:
Keine
Behandlungsmöglichkeiten:
Wichtig ist die frühzeitige sprachliche Förderung der
Kinder/jungen Erwachsenen und die Versorgung der Hörstörung. Insbesondere für
die Typen 2 und 3 empfiehlt sich ein Cochlea-implantat, damit ist ein gewisses
Maß an Hörfähigkeit und die Vorraussetzung zum Sprechen-lernen gegeben. Beim
Typ 1 erlernen die Betroffenen die Gebärdensprache, bei zunehmen-dem Sehverlust
ist eine Sonderform der Gebärdensprache vorhanden (Lormen, für Hör- und
Sehgeschädigte).
Prävention:
· Eine
gesundheitsbewusste Lebensweise trägt zur Allgemeingesundheit bei, insbesondere
regelmäßige körperliche Bewegung, gesunde Ernährung, Vermeidung von Übergewicht
sowie Verzicht auf Nikotin und auf regelmäßigen Alkoholkonsum.
· Vorsorglich
Vermeidung starker direkter Sonnenlicht-Einwirkung sowie Abschirmung von
starker UV-Strahlung mittels Kantenfilterbrille. Neuere Studien am Mausmodell
zeigen einen möglichen positiven Effekt konsequenter UV-Abschirmung auf die
Netzhautfunktion. Diese Ergebnisse sind allerdings nicht ohne weiteres auf den
Menschen übertragbar und bedürfen weiterer Überprüfung, u.a. auch da Mäuse
nicht wie Menschen eine Makula besitzen.
· Optimierung
der jeweils vorhandenen Sehleistung zur aktiven Teilhabe an verschiedenen
Interessens- und Lebensbereichen. Dies sichert u.a. langfristig die optimale
Weiterverarbeitung der wahrgenommenen Sehreize.
· Vitamin A:
Einnahme möglich
· Lutein,
u.a. : nicht sinnvoll
· Anpassung
einer Kantenfilterbrille zwecks Verbesserung des Kontrastsehens. Bewährt hat
sich der Alltagsvergleich verschiedener Kantenfilterbrillen über spezialisierte
Augenoptiker, ebenso die ca. zweiwöchige Überlassung eines umfangreichen
Kantenfiltersortiments über
Patientenorganisation (z.B. Pro Retina)
· Vergrößernde
Sehhilfen (z.B. Lupen, Prismen- und Lupenbrillen, Monokulare)
· Hörgeräte,
Cochlea-Implantate
· Bildschirmlesegerät
(mit optischer Vergrößerung und Falschfarben)
· Elektronische
Hilfen, z.B. optoelektronische Nachtsichtbrille, PC (mit Vergrößerung,
Farbumkehr, Falschfarben, akustischer Sprachausgabe-Unterstützung, Scanner zum
Lesen von gedruckten Texten)
· Schule/Ausbildung:
Kopien statt Overhead-Projektor (wegen Blendung), Sitzplatz in den vorderen
Reihen, tragbarer Computer (Notebook), Aufklärung der Lehrer über Erkrankung.
·
Schwerbehindertenausweis kann im Einzelfall beantragt werden
· Erfahrungsaustausch
mit Gleichbetroffenen, gegenseitige Unterstützung und Aktivitäten in einer
Patienten- und Angehörigenorganisation und ggf. deren Usher-Gruppe
· Je nach
Art und Grad der Belastung und der notwendigen Krisenbewältigung ggf. Nutzung
pädagogische oder psychotherapeutische Unterstützungsangebote.
Letzte Aktualisierung: 28.2.2003